
Die Schlacht von Asculum im Jahr 279 v. Chr. gehört zu den bekanntesten militärischen Auseinandersetzungen der Antike, obwohl sie heute oft weniger wegen ihres eigentlichen Verlaufs als vielmehr
wegen eines Begriffs in Erinnerung geblieben ist, der aus ihren Folgen hervorging: der Pyrrhussieg. Kaum ein anderes historisches Ereignis hat einem Wort seinen Namen gegeben, das bis heute in
Politik, Wirtschaft, Sport und Militär verwendet wird. Gemeint ist ein Erfolg, der zwar auf dem Papier ein Sieg ist, dessen Kosten jedoch so hoch ausfallen, dass er langfristig kaum Nutzen bringt
oder sogar den Weg in die Niederlage ebnet.
Die Schlacht von Asculum war die zweite große Feldschlacht des Pyrrhischen Krieges zwischen der Römischen Republik und König Pyrrhos von Epirus. Nachdem Pyrrhos im Jahr zuvor bei Herakleia einen
Sieg errungen hatte, hoffte er, die Römer zu Friedensverhandlungen zwingen zu können. Doch Rom erwies sich als weit widerstandsfähiger als viele Gegner der hellenistischen Welt. Anstatt
nachzugeben, stellte die Republik neue Armeen auf und setzte den Krieg entschlossen fort. Damit entstand eine Situation, die schließlich zur Entscheidungsschlacht bei Asculum führte.
Die Auseinandersetzung fand vermutlich in der Nähe des heutigen Ascoli Satriano in Apulien statt. Die genaue Lokalisierung wird bis heute diskutiert, da die antiken Quellen keine völlig
eindeutigen Angaben liefern. Unstrittig ist jedoch, dass dort zwei der stärksten Armeen ihrer Zeit aufeinandertrafen. Die Schlacht erstreckte sich wahrscheinlich über zwei Tage und gehörte zu den
größten militärischen Zusammenstößen Italiens vor den Punischen Kriegen.
Um die Bedeutung von Asculum zu verstehen, muss man die Entwicklung nach der Schlacht von Herakleia betrachten. Im Jahr 280 v. Chr. hatte Pyrrhos die Römer erstmals besiegt. Seine Armee war nach
den Vorbildern Alexanders des Großen organisiert und verfügte über die berühmten Kriegselefanten, die den Römern damals noch unbekannt waren. Die Niederlage hatte Rom zwar erschüttert, aber
keineswegs gebrochen.
Der König von Epirus war über die Reaktion der Römer überrascht. Viele Herrscher der hellenistischen Welt gingen davon aus, dass eine entscheidende Niederlage meist zu Verhandlungen oder gar zum
Zusammenbruch eines Gegners führte. Die Römer dachten anders. Sie betrachteten einen verlorenen Feldzug nicht automatisch als verlorenen Krieg. Solange sie noch Männer, Geld und Verbündete
mobilisieren konnten, kämpften sie weiter.
Diese Haltung stellte Pyrrhos vor ein ernstes Problem. Seine Armee bestand aus hervorragend ausgebildeten Veteranen. Doch er befand sich weit entfernt von seiner Heimat. Ersatz für gefallene
Soldaten konnte er nur begrenzt beschaffen. Jeder Verlust schwächte seine Schlagkraft dauerhaft. Nach Herakleia versuchte Pyrrhos zunächst, die politischen Verhältnisse Italiens zu seinen Gunsten
zu verändern. Zahlreiche griechische Städte Süditaliens unterstützten ihn. Auch einige italische Völker, insbesondere Samniten, Lukaner und Bruttier, hofften, mithilfe des Königs ihre
Unabhängigkeit von Rom zurückzugewinnen.
Trotz dieser Unterstützung gelang es Pyrrhos nicht, das römische Bündnissystem entscheidend zu erschüttern. Viele Gemeinden blieben Rom treu. Die politische Struktur der Republik erwies sich als
stabiler als erwartet. Während des Winters und der folgenden Monate bereiteten sich beide Seiten auf eine neue Entscheidung vor. Die Römer mobilisierten erneut große Streitkräfte. Die Konsuln des
Jahres 279 v. Chr., Publius Decius Mus und Publius Sulpicius Saverrio, führten die Armeen der Republik.
Besonders bemerkenswert ist die Rolle des Konsuls Publius Decius Mus. Er stammte aus derselben Familie wie die berühmten Feldherren, die sich in früheren Kriegen durch die sogenannte Devotio
geopfert hatten. Sein Großvater war in der Schlacht am Vesuv 340 v. Chr. gefallen, sein Vater in der Schlacht von Sentinum 295 v. Chr. Beide hatten sich nach römischer Überlieferung den Göttern
geweiht und bewusst den Tod gesucht, um den Sieg ihrer Armeen zu sichern.
Die Römer erwarteten nun erneut einen großen Entscheidungskampf. Anders als bei Herakleia hatten sie inzwischen wichtige Erfahrungen gesammelt. Sie kannten die Kampftechniken der hellenistischen
Armee und waren auf die Kriegselefanten vorbereitet.
Pyrrhos verfügte weiterhin über eine beeindruckende Streitmacht. Neben seinen epirotischen Truppen kämpften makedonisch geschulte Phalangiten, griechische Söldner, samnitische Krieger, italische
Verbündete sowie eine starke Reiterei in seinem Heer. Hinzu kamen erneut die Kriegselefanten, die weiterhin einen wichtigen Bestandteil seiner Schlachtordnung bildeten.
Die beiden Armeen trafen schließlich in der Region Apulien aufeinander. Die antiken Berichte stammen hauptsächlich von Plutarch, Dionysios von Halikarnassos und anderen späteren Autoren. Obwohl
ihre Schilderungen in einzelnen Punkten voneinander abweichen, zeichnen sie ein Bild eines außergewöhnlich erbitterten Kampfes.
Nach den Überlieferungen begann die Schlacht unter schwierigen Bedingungen. Das Gelände war teilweise uneben und von Waldstücken sowie kleineren Hindernissen geprägt. Dies erschwerte insbesondere
den Einsatz der Phalanx und der Elefanten. Gerade die makedonische Phalanx war auf möglichst ebenes Terrain angewiesen. Ihre Kampfkraft beruhte auf einer geschlossenen Formation, in der jeder
Soldat seinen Platz halten musste. Unebenheiten konnten diese Ordnung gefährden.
Die Römer versuchten genau diesen Nachteil auszunutzen. Ihre Legionen waren flexibler organisiert. Das manipularische System erlaubte es ihnen, sich besser an schwieriges Gelände anzupassen.
Dadurch konnten sie die Beweglichkeit ihrer Truppen effektiver einsetzen.
Der erste Tag der Schlacht brachte offenbar keinen klaren Sieger hervor. Die Römer verhinderten erfolgreich den entscheidenden Einsatz der Elefanten und konnten Teile der gegnerischen Formation
unter Druck setzen. Gleichzeitig gelang es Pyrrhos nicht, den Durchbruch zu erzielen, den er benötigte. Für den König war dies ein Warnsignal. Er hatte gehofft, die Römer schneller bezwingen zu
können. Stattdessen zeigte sich erneut ihre enorme Widerstandskraft.
Am zweiten Tag suchte Pyrrhos daher ein Gelände aus, das seinen Truppen größere Vorteile verschaffen würde. Dort konnten die Phalanx und die Elefanten besser eingesetzt werden. Diese Entscheidung
sollte sich als entscheidend erweisen. Der Kampf begann erneut mit heftigen Zusammenstößen entlang der gesamten Front. Die römischen Legionen griffen energisch an und versuchten, die gegnerischen
Reihen aufzubrechen. Mehrfach kam es zu Nahkämpfen von außergewöhnlicher Intensität.
Antike Autoren berichten, dass die Soldaten beider Seiten mit bemerkenswerter Disziplin kämpften. Anders als viele frühere Gegner der hellenistischen Phalanx wichen die Römer nicht zurück. Immer
wieder griffen sie an, selbst wenn sie schwere Verluste erlitten. Die Phalanx erwies sich dennoch als äußerst gefährlich. Die langen Sarissen bildeten eine dichte Wand aus Spitzen, die frontal
nur schwer zu überwinden war. Viele Legionäre fielen beim Versuch, in die Reihen der Phalangiten einzudringen.
Gleichzeitig entwickelten sich heftige Kämpfe zwischen den Reiterverbänden. Pyrrhos selbst nahm aktiv am Gefecht teil und führte seine Männer mehrfach persönlich in kritische Situationen. Sein
Ruf als tapferer Feldherr beruhte nicht zuletzt darauf, dass er regelmäßig an der Front kämpfte. Die entscheidende Phase begann, als die Kriegselefanten
erneut eingesetzt wurden. Diesmal gelang es den Römern nicht, ihre Wirkung ausreichend einzuschränken. Die gewaltigen Tiere drangen gegen die römischen Linien vor und sorgten für erhebliche
Unordnung.
Die Römer hatten zwar verschiedene Gegenmaßnahmen vorbereitet. Einige Quellen berichten von speziellen Wagen, die mit Spießen und Brandvorrichtungen ausgestattet waren. Andere erwähnen Versuche,
die Tiere mit Geschossen zu vertreiben. Doch die Wirksamkeit dieser Maßnahmen blieb begrenzt. Als die Elefanten die Front erreichten, gerieten Teile der römischen Armee unter starken Druck.
Besonders die Kavallerie hatte weiterhin Schwierigkeiten, den Tieren standzuhalten. Pferde reagierten häufig panisch auf deren Anblick und Geruch.
Diese Verwirrung nutzte Pyrrhos für einen koordinierten Angriff. Seine Infanterie verstärkte den Druck auf die römischen Linien, während die Elefanten die gegnerische Ordnung weiter störten.
Schließlich mussten die Römer den Rückzug antreten. Das Schlachtfeld blieb in den Händen des Königs von Epirus. Rein militärisch betrachtet hatte Pyrrhos gesiegt.
Doch schon unmittelbar nach der Schlacht wurde deutlich, dass dieser Erfolg seinen Preis hatte. Die Verluste waren enorm. Antike Autoren nennen unterschiedliche Zahlen. Häufig ist von etwa 6.000
gefallenen Römern und rund 3.500 bis 4.000 Verlusten auf Seiten des Pyrrhos die Rede. Andere Quellen nennen noch höhere Werte.
Moderne Historiker betrachten diese Zahlen mit Vorsicht. Dennoch besteht kein Zweifel daran, dass Pyrrhos erhebliche Einbußen erlitt. Besonders problematisch war die Qualität der Verluste.
Während Rom neue Legionäre aus seinem riesigen Rekrutierungspotenzial gewinnen konnte, verlor Pyrrhos erfahrene Veteranen, Offiziere und langjährige Gefährten.
Genau in diesem Zusammenhang entstand die berühmte Überlieferung. Als jemand dem König zu seinem Sieg gratulierte, soll er geantwortet haben: „Noch ein solcher Sieg über die Römer, und wir sind
verloren.“ Ob dieser Satz tatsächlich wörtlich gefallen ist, lässt sich nicht nachweisen. Die Aussage fasst jedoch die strategische Situation treffend zusammen. Der Sieg von Asculum brachte
Pyrrhos keinen entscheidenden Fortschritt. Die römische Republik war nicht zusammengebrochen. Ihre Verbündeten liefen nicht in großer Zahl zu ihm über. Neue römische Armeen wurden bereits
aufgestellt.
Rom besaß einen Vorteil, der in vielen antiken Kriegen selten war: eine außergewöhnliche Fähigkeit zur Regeneration. Niederlagen wurden nicht als endgültige Katastrophen betrachtet. Stattdessen
mobilisierte die Republik ihre Ressourcen immer wieder neu. Für Pyrrhos bedeutete dies eine zunehmend schwierige Lage. Obwohl er zwei große Schlachten gewonnen hatte, konnte er seinen Gegner
nicht ausschalten. Gleichzeitig schwanden seine eigenen Kräfte.
Die Folgen von Asculum reichten weit über das Schlachtfeld hinaus. Die Schlacht wurde zu einem Lehrstück für die Unterschiede zwischen taktischem und strategischem Erfolg. Taktisch hatte Pyrrhos
gewonnen. Strategisch jedoch verschlechterte sich seine Lage. Kurz nach Asculum eröffnete sich für den König eine neue Möglichkeit. Griechische Städte auf Sizilien baten ihn um Hilfe gegen
Karthago. Pyrrhos entschied sich, Italien vorübergehend zu verlassen und seine Aufmerksamkeit auf die Insel zu richten.
Diese Entscheidung zeigt, wie schwierig seine Position geworden war. Anstatt den Krieg gegen Rom konsequent fortzuführen, suchte er neue Chancen anderswo. Viele seiner italischen Verbündeten
waren darüber enttäuscht. Auf Sizilien erzielte Pyrrhos zunächst einige Erfolge. Doch auch dort gelang es ihm nicht, dauerhafte Lösungen zu schaffen. Schließlich kehrte er nach Italien zurück, wo
die Römer inzwischen weiter an Stärke gewonnen hatten.
Der endgültige Wendepunkt kam 275 v. Chr. in der Schlacht von Beneventum. Dort gelang es den Römern erstmals, Pyrrhos zurückzuschlagen. Der König erkannte, dass seine Chancen auf einen Sieg in
Italien gering geworden waren, und kehrte nach Epirus zurück. Die Schlacht von Asculum blieb dennoch das bekannteste Ereignis des gesamten Krieges. Der Begriff „Pyrrhussieg“ wurde zum festen
Bestandteil vieler Sprachen. Er beschreibt einen Erfolg, dessen Kosten den Nutzen übersteigen.
Historisch betrachtet zeigt die Schlacht mehrere wichtige Entwicklungen. Sie verdeutlicht die Stärke der hellenistischen Kriegführung, aber auch ihre Grenzen. Die Phalanx, die Kavallerie und die
Elefanten konnten auf dem Schlachtfeld beeindruckende Ergebnisse erzielen. Doch gegen einen Gegner mit den Ressourcen und der Beharrlichkeit Roms reichte dies nicht aus. Ebenso deutlich wird die
besondere Widerstandsfähigkeit der römischen Republik. Die Römer verloren mehrere Schlachten gegen Pyrrhos und setzten den Krieg dennoch fort. Diese Eigenschaft sollte später auch in den
Punischen Kriegen gegen Hannibal sichtbar werden.
Militärhistorisch markiert Asculum außerdem einen wichtigen Lernprozess. Die Römer sammelten Erfahrungen im Kampf gegen hellenistische Armeen und entwickelten Methoden, um deren Stärken
auszugleichen. Diese Erkenntnisse sollten ihnen später bei den Eroberungen Griechenlands und Makedoniens zugutekommen. Die Schlacht zeigt auch die Grenzen individueller Feldherrngenialität.
Pyrrhos war zweifellos einer der fähigsten Kommandeure seiner Zeit. Seine taktischen Entscheidungen und seine persönliche Tapferkeit verschafften ihm mehrere Siege. Doch selbst ein
außergewöhnlicher Feldherr konnte die strukturellen Vorteile Roms nicht dauerhaft überwinden.
Rückblickend erscheint Asculum daher als eine der lehrreichsten Schlachten der Antike. Sie beweist, dass militärische Siege allein nicht genügen, wenn sie nicht von einer tragfähigen politischen
und strategischen Grundlage begleitet werden. Auf dem Schlachtfeld triumphierte Pyrrhos. Im langen Ringen um Italien jedoch gewann Rom. Genau deshalb lebt die Erinnerung an Asculum bis heute fort
– als Beispiel dafür, dass manche Siege so teuer erkauft werden, dass sie bereits den Keim der Niederlage in sich tragen.
© Bild und Texte: Carsten Rau.
