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IV. Teil Sigmunds Freiherrn von Dietrichstein Gedächtnisstafel und Ruhestätte, wie auch seiner Witwe Wiedervermählung.

Seit drei Jahrhunderten gilt nicht nur im Munde der Bewohner von Wiener-Neustadt, wo in der St. Georgskapelle unter dem Fußboden des Hochaltars der Leichnam des Kaisers Maximilian I. († 1519) beigesetzt ist, sondern auch in österreichischen Geschichtswerken die irrige Meinung, dass dessen treuer Diener und Liebling, Sigmund Freiherr von Dietrichstein, an dessen Seite ruhe.

 

Zu diesem Irrtum führte die Inschrift auf der Marmortafel, die in der genannten Burgkapelle an der Wand der Evangelienseite des Hochaltars angebracht ist. Sie zählt 28 Zeilen mit Unzialschrift in lateinischer Sprache und ist an einer Stelle nicht in erforderlicher Klarheit gestaltet.

 

Mit Weglassung aller Titulaturen wollen wir die wesentlichen Worte, der Inschriftform entkleidet, hier dem Leser zur klaren Einsicht vorlegen:

 

Ad perpetuam rei memoriam. Maximilianus Caesar Augustus vivus juxta locum suum, quem pro monumento (sc. suo) legit Domino Sigismundo Libero Baroni a Dietrichstein — et Majoribus suis ob fidem singulärem et res Austriacas bene gestas, et Posteris eorum poni mandavit.

 

Dem Wort „poni“ fehlt das grammatische und sachliche Objekt („quid poni mandavit“ — Lapidem memorialem, inscriptionem, s. aliquid simile?), daher die Unklarheit der Inschrift.

 

Der Sinn ist unbestreitbar: Er wollte nicht allein seinem Liebling Sigmund, sondern der ganzen von Dietrichsteinschen Familie, sowohl deren Ahnen als auch Nachkommen, einen Denkstein, eine Gedächtnisstafel, gesetzt wissen. Es konnte nicht des Kaisers Wille sein, dass (abgesehen von den Ahnen) alle Nachkommen des zu hohen Ehren und Würden emporblühenden Geschlechtes neben ihm beigesetzt werden!

 

Die Meinung, dass Freiherr Sigmund neben Kaiser Maximilian I. ruhe, erhärtete die Grabschrift, welche Kaiser Rudolf II. dessen jüngerem Sohn Adam, der zu den Füßen des Kaiser Maximilian II. († 1576), dessen Oberstkämmerer er gewesen war, im Prager Dom ruht, setzen ließ. Deren Worte lauten:

 

Rudolphus II. Roman. Imperator etc. exemplo Maximiliani Imperatoris, qui Sigismundum a Dietrichstein — juxta Monumentum suum testamento habere voluit, Adamum filium, nominis et dignitatis paternae aemulum, hic poni mandavit, Anno MDLXXXX.
(Vgl. Fugger S. 1333, v. Arneth S. 312.)

 

Die Ehre, diesen so lange fortwuchernden Irrtum beseitigt zu haben, gebührt dem um die vaterländische Geschichtevielfach verdienten Gelehrten Herrn Matthias Koch, der die obige Inschrift in der Burgkapelle zu Wiener-Neustadt zuerst richtig deutete.

 

Beim Ordnen des fürstlich Dietrichsteinschen Archivs zu Nikolsburg, welche Herrschaft Freiherr Adam im Jahre 1575 von seinem kaiserlichen Herrn erhalten hatte, fand Herr Koch dort Adam’s eigenhändige Aufzeichnung, laut welcher in Folge eines Vertrages mit Erzherzog Ferdinand I., dessen Bestätigungsurkunde noch vorhanden ist, Sigmund selbst das Denkmal errichten ließ und die Auslage dafür von der landfürstlichen Kammer erstattet bekam.

 

Der Schluss von obigem „Maximilianus — poni mandavit“ lautet nun klar und verständlich:

 

Haec (sc. mandata) deinde — Carolus Caesar Augustus etc. et Ferdinandus Princeps et Infans Hispaniae fratres, eiusdem Caesaris nepotes, rata habuerunt et approbarunt anno salutis MDXXIII.

 

Es kann hier im Jahre 1523 weder vom Hinscheiden noch von der Beisetzung der Leiche Sigmunds die Rede sein.

 

Nach Herrn Dr. Beda Dudik verwahrt die königliche Bibliothek zu Stockholm ein, wahrscheinlich mit anderen Schätzen aus Nikolsburg entführtes, „Verzeichnis Herrn, Herrn Gabrieln Freiherrn von Dietrichstein ehelicher leibs Erben und derselben Geburtstage“, in welchem Manuskripte, fol. 71 und 72, einige Notizen über unseren Freiherrn Sigmund enthalten sind. Laut diesen Notizen ist Sigmund 1533 zu Finkenstein in Kärnten am 20. Mai im 54. Lebensjahr gestorben, welche Altersangabe, wenn er, wie Herr Dudik mitteilt, 1484 geboren ist, korrigiert werden müsste.

 

Demnach ist Wissgrills Angabe in seinem Schauplatz des landsässigen niederösterreichischen Adels, Bd. II, S. 230, nach welcher Sigmund an einem hitzigen Fieber in Graz am 20. Mai 1540 gestorben ist, nicht richtig.

 

Die wahren und richtigen Angaben über den Tag und den Ort des Ablebens, wie auch über das von der Familie gesetzte Denkmal Sigmunds von Dietrichstein, verdanken wir dem allzu früh dahingeschiedenen Alois Primisser in seinen Reiseberichten nach Kärnten in des Freiherrn von Hormayr Archiv für Geographie, Historie 1822, Nr. 89, S. 478, wo es heißt:

 

„Hier (in der Pfarrkirche zu Villach) ist ein Verzeichnis der vorzüglichsten Denksteine, unter welchen vor allen der erste, das Cenotaph jenes treuen und geliebtesten Freundes des Kaisers Maximilian I., Sigmunds von Dietrichstein, ehrwürdig ist, der zwar in Neustadt begraben, aber hier von seinen Kindern mit einem Denkmal geehrt ist.“

 

Dort rechts in der ersten Seitennische steht aus rotem Marmor erhaben gehauen dessen lebensgroßes Bildnis mit dem schönen, offenen, geraden Gesicht, seinem kaiserlichen Freunde nicht unähnlich, in voller Rüstung, zu seinen Füßen die beiden Dietrichsteinschen Winzermesser, oberhalb ein Schild, der (wegen Finkenstein) eine gewundene Schlange zeigt, von der Hand eines unbekannten Künstlers.

An der Wand daneben ist ein Denkmal mit langer lateinischer Inschrift, laut welcher Sigismund in seinem Schloss Vinkenstein (nicht weit von Villach) am 19. Mai 1533 gestorben ist, nachdem er 53 Jahre, 3 Monate und 6 Tage gelebt hatte: Er ist demnach um den 14. Februar 1480 geboren und im 54. Jahr seines Alters gestorben.

 

Diese Gedächtnisstafel setzten ihm seine drei Söhne Sigmund, Stifter der älteren Hollenburgischen Linie, Adam, Stifter der Nikolsburger oder fürstlichen Linie, und Karl, der 1562 kinderlos verstorben ist, sowie die beiden Töchter Esther und Anna, wie auch dessen Witwe Barbara von Rottal.

 

Barbara, verwitwete Freiin von Dietrichstein, und ihr zweiter Gemahl:

 

Die verwitwete Barbara, die in ihrem 15. Lebensjahr zum ersten Mal verheiratet war, bot nun nach Wissgrill II, S. 233, ihre Hand Ulrich von Czettritz an, von dem sie wiederum Witwe geworden war. Dieser Herr von Czettritz, aus einem uralten und ansehnlichen Geschlecht Schlesiens, Erbherr auf Lorzendorf, Ludwig II., König von Ungarn, Kammerjunker, war mit demselben in der unglücklichen Schlacht bei Mohács am 29. August 1526, und zwar unmittelbar in dessen Rücken. Er und Johann Trepka entführten den Rettung suchenden König eilig aus dem mörderischen Gefecht.

 

Der König sprengte in die seichteste Furth des Csellie-Baches, eine halbe Meile oberhalb Mohács, um das jenseitige Ufer zu erreichen, stürzte rücklings in den tiefen Schlamm vom Pferd, das sich überschlug und ihn erdrückte. Ulrich von Czettritz war voraus an einer anderen Furth glücklich durchgekommen und sah seinen Herrn versinken. Rettung war unmöglich, aber er merkte sich die Stelle. Später wurden er und Franz Sarffy, Befehlshaber von Raab, von der Königin Maria nach Mohács geschickt, den Leichnam aufzusuchen, den sie auch fanden und im Oktober nach Stuhlweissenburg brachten, wo er später feierlich beigesetzt wurde.

 

Ulrich starb kinderlos im Jahr 1541 zu Adelsbach, und seine Güter fielen an seinen Bruder Georg von Czettritz.

 

Es sei uns erlaubt, nach den Aufzeichnungen eines ungarischen Kaplans, Namens Georg Szeremi, eine Variante über König Ludwig II. Tod und über diesen Herrn Ulrich von Czettritz mitzuteilen. Szeremi war Hauskaplan des Königs Ludwig II. und Johann von Zápolya und hinterließ in barbarischem Latein eine Denkschrift über die Zerrüttung Ungarns in den Jahren 1484–1543.

 

Das Kapitel XL, S. 133 f. und S. 403 ff. unter der Aufschrift de Morte Ludovici regis enthält zwei Angaben über den Tod dieses Königs. Nach S. 133 begleiteten den aus dem blutigen Gemetzel seine Rettung versuchenden König Ludwig außer dem Oberbefehlshaber Georg, Graf von Zips (Sepusiensis), Bruder Johanns von Zápolya, des nachfolgenden Gegenkönigs Ferdinand I., welcher wohlbedacht an der Schlacht keinen Anteil nahm, Paul Tömori, Erzbischof von Kalocsa, auch Cytricli, der auf S. 134 als Citrich Bohemus und auf S. 406 ausdrücklich als Kämmerer des Königs genannt wird.

 

Nach der Aussage eines ungarischen Soldaten, die er erst nach König Johanns Tod († 1540) zu machen wagte, riet Graf Georg dem fliehenden König, um von seiner Ermattung auszuruhen, vom Pferd zu steigen, den Harnisch abzulegen (de metallo exuere) und etwas Labung zu sich zu nehmen. Der arme König folgte diesem Rat. Während Tömori mit königlicher Erlaubnis in seinem Quartier war, fiel der Graf – nun mit dem arglosen König allein – ihn als Reichsverderber in magyarischer Sprache verfluchend an und hieb ihn mit drei Hieben eines böhmischen Schwertes nieder. Als dies Tömori erfuhr, tötete er (der selbst in frühen Jahren ein tapferer Krieger gewesen war) den Mörder und wurde von des ermordeten Grafen ungenanntem Unterfeldherrn niedergestoßen. So vier Leichen an dieser Mordstätte! Hierauf wurde der königliche Leichnam am Rande eines Sumpfes eingegraben und verlassen.

 

Czettritz stieg sogleich zu Pferd, ritt von zweien seiner Leute begleitet die ganze Nacht hindurch nach Stuhlweissenburg, und als er dort erfuhr, dass die Königin nach Wien abgereist sei, ritt er ihr nach, wo er sie auch traf und ihr alles (cuncta) meldete. Die Königin ließ ihn gefangen setzen, indem man ihm den Vorwurf machte: „Wenn du den König nicht verlassen hättest, wäre er nicht so grausamen Todes ermordet worden.“ Und wenn er in der Schlacht verblieben wäre, wäre er höchstwahrscheinlich in derselben gefallen oder gefangen worden. Nach weiterer Angabe dieses Kaplans wurde Czettritz von den Deutschen getötet.

 

Da Czettritz, der zur Zeit der Missetat an demselben Ort weilte, vor allen geeignet war, jene Stelle am oder im Sumpf, wo der königliche Leichnam lag, anzugeben, dürfte auch er dorthin geschickt worden sein, ihn aufzufinden, und sollte er nicht nach erwiesener Schuldlosigkeit am Königsmord wieder entlassen worden sein? Ungarische Gelehrte mögen die Richtigkeit dieser Angabe noch durch andere Belege bekräftigen und Czettritz’ Hinrichtung auf Geheiß der Königin-Witwe bestätigen.

 

Nach Köhlers Historischen Münz-Belustigungen, Teil IV., in dem auf S. 89 des Freiherrn Sigmund von Dietrichstein und seiner Gemahlin schöne Medaillen abgebildet und beschrieben sind, vermählte sich laut S. 96 Barbara abermals an einen von Schweinitz, wovon aber in Sinapiis Curiositäten, Bd. I, S. 846–861, und II, S. 436, bei dieser ebenfalls schlesischen Familie keine Spur zu finden ist.

 

Barbara von Rottal starb nach Herrn Dudik a. a. Orte, S. 257, zu Wien im Jahr 1556, und nach des Freiherrn von Hormayr Archiv 1822, S. 479, Anmerkung am 3. März 1550. Ihre Ruhestätte ist unbekannt, wohl aber ruht sie ebenso wenig wie ihr erster Gemahl in der Burgkapelle zu Wiener-Neustadt. Die Worte des Herrn Matthias Koch über den Inhalt der dortigen Inschrift, die nach ihm am angeführten Ort, S. 1, nicht mehr und nicht weniger als lauten: „Der Kaiser habe verordnet, dass nächst seiner Ruhestätte in der Georgskapelle zu Wiener-Neustadt dem Freiherrn Sigismund von Dietrichstein und seiner Gemahlin Barbara Rottal eine Gedächtnistafel errichtet werde“, gelten nicht allein für Sigismund und seine Gemahlin Barbara, die in derselben gar nicht genannt ist, sondern diese Ehrentafel ist nach ihrem klaren Wortlaut, wie oben gesagt, dem ganzen berühmten Geschlecht gewidmet.

 

Nun aber veröffentlicht Herr Dr. Lind in der oben, S. 179, Anmerkung, erwähnten Abhandlung über die Wiener-Neustädter St. Georgskirche, S. 32, eine zweite Inschrift, die unterhalb der zuvor genannten Gedächtnistafel angebracht ist, mit den Worten:

 

NOBILIS ET GENEROSA DOMINA BARBARA A ROTAL BARO IN TALBERG NOBILIS ET MAGNIFICI D. SIGISMUNDI A DIETRICHSTAIN BARON. IN HOLLENBURG ET FINKENSTEIN CONIUNX ZC.

 

Von wem und wann diese Inschrift gesetzt worden ist, lässt sich nicht bestimmen. Wäre sie nach ihrem Tod zu ihrem Gedächtnis an dieser Stelle, was nicht anzunehmen ist, gewidmet worden, so wäre diese Widmung im Dativ oder in einer anderen Form, etwa in memoriam oder ähnlich, ausgedrückt worden.

 

Im alten Schloss Thalberg bei Friedberg in der Steiermark, das damals dem Herrn Mothwurf, Seidenzeug-Fabrikanten in Wien, gehörte, ist unter dem Tor rechts ein Basrelief aus rotem Marmor eingemauert. Dasselbe zeigt dem Beschauer zwei Brustbilder in Form von Medaillons: rechts die kräftigen Gesichtszüge Sigmunds von Dietrichstein mit großem Hut auf dem Kopf, und links, ihm gegenübergestellt, das Brustbild seiner Gemahlin Barbara mit Barett, goldener Kette und anliegendem Kleinod. Oben am halbbogenförmigen Rand des Steines liest man:

 

BARBARA . VON . ROTAL . FREIIN . ZU . TALBERG . — † SIGMUND . V. DIETRICHSTAIN . F . F(?)

 

Der weitere Rand ist zerstört. Nach einem photographischen Abdruck, den ich der Gefälligkeit des Herrn Anton Widter verdanke.

 

Einen kurzen Abriss über das uralte, um Kirche, Hof und Staat vielfach hochverdiente Haus des Fürsten und Grafen von Dietrichstein findet man in Wurzbachs Biographischem Lexikon 1858, Bd. III, und besonders über die zwei letzten Generationen S. 297. Mit dem edlen Grafen Moriz, der im 90. Lebensjahr am 27. August 1864 zu Wien starb und nach seinem Wunsch zu Hietzing bei Schönbrunn seine Ruhestätte hat, erlosch der letzte männliche Spross Sigmunds, Freiherrn von Dietrichstein, und der Barbara von Rottal.



Quelle: Mittheilungen der K.K. Central-Commission zur Erforschung und Erhaltung der Baudenkmale. Wien, 1865.