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Xerxes I.

Xerxes I.

Xerxes I., im Altpersischen Xšayāršā genannt, gehört zu den bekanntesten Herrschern der Antike – und zugleich zu den am stärksten missverstandenen. In der europäischen Erinnerung lebt er oft nur als der „Perserkönig der Thermopylen“, als Gegenspieler Spartas und Athens oder als überheblicher Monarch aus modernen Filmen weiter. Doch der historische Xerxes war weit mehr als die schillernde Figur aus Legenden und Popkultur. Er herrschte über das größte Reich seiner Zeit, kontrollierte Gebiete vom Indus bis nach Ägypten, ließ monumentale Bauwerke errichten, führte riesige Militäraktionen durch und stand an der Spitze eines hochentwickelten Verwaltungsapparates, der Millionen Menschen verschiedenster Kulturen verband. Seine Regierungszeit war geprägt von Machtentfaltung, gewaltigen logistischen Leistungen, religiöser Politik, höfischer Pracht und den Grenzen imperialer Expansion.

Xerxes wurde um 519 v. Chr. geboren. Er war der Sohn des persischen Großkönigs Dareios I. und der Atossa, einer Tochter Kyros’ des Großen. Allein diese Abstammung verlieh ihm enormes Prestige. Kyros hatte das Perserreich begründet, Dareios hatte es organisiert und erweitert. Xerxes wuchs somit im Zentrum der mächtigsten Dynastie seiner Epoche auf. Die Achämeniden herrschten über ein Reich, das aus dutzenden Völkern bestand: Perser, Meder, Babylonier, Ägypter, Phönizier, Lydier, Judäer, Ionier und viele andere standen unter persischer Oberhoheit. Die Verwaltung dieses riesigen Gebildes beruhte nicht nur auf militärischer Stärke, sondern auch auf einem ausgefeilten System aus Provinzen, Straßen, Tributleistungen und lokaler Selbstverwaltung.

Dass Xerxes später König wurde, war keineswegs selbstverständlich. Dareios hatte mehrere Söhne, darunter ältere. Doch Atossa besaß als Tochter des Reichsgründers enormes politisches Gewicht. Wahrscheinlich spielte sie eine entscheidende Rolle dabei, Xerxes als Nachfolger durchzusetzen. Als Dareios 486 v. Chr. starb, bestieg Xerxes den Thron eines Reiches, das zwar mächtig war, aber zugleich unter Druck stand. In Ägypten war ein Aufstand ausgebrochen, und auch Babylon zeigte erneut Unabhängigkeitsbestrebungen.

Eine seiner ersten großen Aufgaben bestand darin, diese Revolten niederzuschlagen. Ägypten wurde hart bestraft. Xerxes setzte seinen Bruder Achaimenes als Satrapen ein und verschärfte die Kontrolle über das Land. Babylon traf es vermutlich noch schwerer. Die Stadt hatte bereits unter Dareios rebelliert, doch unter Xerxes scheint die Reaktion besonders streng ausgefallen zu sein. Manche antiken Quellen berichten sogar von der Zerstörung bedeutender Heiligtümer und der Entfernung der goldenen Statue des Gottes Marduk. Moderne Historiker diskutieren zwar, wie weit diese Berichte stimmen, doch fest steht: Xerxes veränderte die Stellung Babylons im Reich deutlich und reduzierte seinen politischen Sonderstatus.

Nach der Sicherung der inneren Ordnung wandte sich Xerxes dem ehrgeizigsten Unternehmen seiner Herrschaft zu: dem Feldzug gegen Griechenland. Die Vorgeschichte begann bereits unter Dareios. Im Ionischen Aufstand hatten griechische Städte Kleinasiens gegen die persische Herrschaft rebelliert, unterstützt von Athen und Eretria. Dareios reagierte mit einem Strafkrieg gegen Griechenland, doch die persische Armee wurde 490 v. Chr. bei Marathon geschlagen. Diese Niederlage hatte enorme symbolische Bedeutung. Zwar bedrohte das kleine Griechenland das Perserreich nicht existenziell, doch eine erfolgreiche Rebellion am Rand des Reiches durfte aus Sicht des Großkönigs nicht unbeantwortet bleiben.

Xerxes erbte also nicht nur ein Reich, sondern auch einen offenen Konflikt. Über Jahre hinweg bereitete er die größte Militäraktion vor, die die antike Welt bis dahin gesehen hatte. Die Vorbereitungen zeigen eindrucksvoll die organisatorischen Fähigkeiten des Achämenidenreiches. Straßen wurden ausgebaut, Vorratslager angelegt und Schiffe zusammengezogen. Besonders berühmt wurde der Kanal durch die Halbinsel Athos. Bereits eine frühere persische Flotte war dort in einem Sturm untergegangen. Xerxes ließ daher einen Kanal graben, damit die Flotte die gefährliche Umrundung vermeiden konnte. Herodot schildert dieses Projekt ausführlich, und archäologische Untersuchungen bestätigen tatsächlich die Existenz des Kanals.

Ebenso spektakulär war die Überquerung des Hellesponts, der Meerenge zwischen Asien und Europa. Xerxes ließ Pontonbrücken errichten, über die seine Armee marschieren konnte. Ein Sturm zerstörte zunächst die Konstruktionen. Herodot berichtet die berühmte Geschichte, Xerxes habe daraufhin das Meer auspeitschen lassen – eine Episode, die den Perserkönig als tyrannisch und größenwahnsinnig darstellen sollte. Ob dies historisch ist, bleibt fraglich, doch die Geschichte zeigt, wie die Griechen Xerxes wahrnahmen: als Herrscher unermesslicher Macht und gefährlicher Hybris.

Die Größe des persischen Heeres ist bis heute umstritten. Herodot nennt gigantische Zahlen von mehreren Millionen Menschen. Moderne Schätzungen gehen eher von vielleicht 100.000 bis 250.000 Soldaten aus, dazu kamen zahlreiche Begleiter, Versorgungskräfte und Flottenbesatzungen. Selbst die vorsichtigeren Zahlen machen den Feldzug zu einer außergewöhnlichen logistischen Leistung. Das Heer setzte sich aus Kontingenten vieler Völker zusammen. Herodot beschreibt ausführlich ihre Kleidung und Waffen: Perser mit Schuppenpanzern, Meder mit Speeren, indische Bogenschützen, ägyptische Krieger, skythische Reiter und phönizische Seeleute. Diese Vielfalt war typisch für das Perserreich.

480 v. Chr. begann die Invasion Griechenlands. Viele griechische Poleis unterwarfen sich oder verhielten sich neutral. Andere, vor allem Sparta und Athen, organisierten Widerstand. Der erste legendäre Höhepunkt war die Schlacht bei den Thermopylen. Der enge Pass eignete sich ideal, um die persische Übermacht zu bremsen. König Leonidas von Sparta führte eine kleine Streitmacht an, die mehrere Tage standhielt. Erst als die Perser einen Umgehungspfad fanden, wurde die griechische Stellung eingeschlossen.

Die Thermopylen wurden später zum Symbol heroischen Widerstands. Historisch war die Schlacht jedoch vor allem ein taktisches Verzögerungsgefecht. Xerxes gewann letztlich den Durchgang nach Mittelgriechenland. Parallel dazu fand die Seeschlacht von Artemision statt, die ohne klare Entscheidung endete. Die Griechen zogen sich zurück, und Xerxes konnte weiter vorrücken.

Athen wurde evakuiert. Viele Einwohner flohen auf die Insel Salamis. Die Perser nahmen die Stadt ein und brannten die Akropolis nieder. Dieses Ereignis hinterließ tiefe Spuren im griechischen Gedächtnis. Der zerstörte Tempelbezirk wurde später bewusst teilweise als Mahnmal belassen. Für Xerxes bedeutete die Einnahme Athens jedoch zunächst einen großen Erfolg. Das Ziel der Unterwerfung Griechenlands schien greifbar.

Dann kam die Schlacht von Salamis. Sie wurde zum Wendepunkt des Feldzuges. Die griechische Flotte unter Themistokles lockte die Perser in die engen Gewässer zwischen Insel und Festland. Dort konnten die größeren persischen Kräfte ihre zahlenmäßige Überlegenheit nicht ausspielen. Die griechischen Schiffe manövrierten erfolgreicher, und die persische Flotte erlitt schwere Verluste.

Antike Autoren schildern Xerxes dabei als Zuschauer auf einem goldenen Thron über dem Schlachtfeld. Wahrscheinlich beobachtete er die Kämpfe tatsächlich von einer Anhöhe aus. Die Niederlage war ein schwerer Schlag. Zwar war das persische Heer an Land weiterhin stark, doch ohne sichere Seeversorgung wurde ein längerer Feldzug riskant. Xerxes zog sich deshalb mit einem Teil der Armee nach Asien zurück und überließ seinem Feldherrn Mardonios den weiteren Krieg.

479 v. Chr. wurde Mardonios in der Schlacht von Plataiai besiegt. Fast gleichzeitig verloren die Perser die Seeschlacht bei Mykale. Damit endete die unmittelbare persische Bedrohung Griechenlands. Das Perserreich blieb zwar gewaltig und mächtig, doch die Idee einer dauerhaften Eroberung des griechischen Festlandes war gescheitert.

Die griechische Geschichtsschreibung machte Xerxes später zum Inbegriff orientalischer Despotie. Besonders Herodot prägte dieses Bild nachhaltig. Xerxes erscheint bei ihm als Herrscher voller Widersprüche: mächtig und intelligent, aber zugleich emotional, impulsiv und anfällig für Überheblichkeit. Er weint angeblich beim Anblick seines riesigen Heeres, weil ihm bewusst wird, dass in hundert Jahren keiner dieser Männer mehr leben werde. Solche Szenen verleihen Herodots Darstellung literarische Tiefe, sind aber nicht einfach als Tatsachenberichte zu lesen.

Moderne Forschung bewertet Xerxes differenzierter. Aus persischer Sicht war der Griechenfeldzug kein irrationales Abenteuer, sondern ein logischer Versuch, die westliche Grenze des Reiches zu stabilisieren und Aufstände zu verhindern. Athen hatte persische Untertanen unterstützt und stellte aus Sicht des Großkönigs ein Problem dar. Dass der Feldzug scheiterte, lag weniger an persönlichem Wahnsinn als an den Schwierigkeiten, ein riesiges Heer über große Entfernungen zu versorgen und in schwierigem Terrain einzusetzen.

Nach seiner Rückkehr widmete sich Xerxes verstärkt inneren Angelegenheiten und Bauprojekten. Besonders Persepolis wurde unter ihm weiter ausgebaut. Diese Stadt war kein Verwaltungszentrum im modernen Sinn, sondern eher eine repräsentative Königsresidenz und ein symbolisches Zentrum imperialer Macht. Die monumentalen Treppenanlagen, Reliefs und Säulenhallen gehören zu den eindrucksvollsten Hinterlassenschaften der Antike.

Die Reliefs von Persepolis zeigen Delegationen aus allen Teilen des Reiches, die Tribute bringen: Kamele aus Arabien, Stoffe aus Babylonien, Pferde aus Medien, Goldschalen aus Lydien. Die Darstellungen vermitteln bewusst Harmonie und Ordnung. Das Reich erscheint nicht als chaotische Zwangsherrschaft, sondern als geordnete Welt unter der Führung des Großkönigs. Xerxes ließ zahlreiche Inschriften anbringen, in denen er seine Abstammung und seine göttliche Legitimation betonte.

Eine bekannte Inschrift lautet sinngemäß: „Ein großer Gott ist Ahuramazda, der diese Erde schuf, der den Himmel schuf, der den Menschen schuf, der Xerxes zum König machte.“ Solche Formulierungen zeigen die zentrale Rolle der Religion im achämenidischen Königtum. Ahuramazda, die höchste Gottheit des altiranischen Glaubens, galt als Quelle königlicher Macht. Gleichzeitig waren die Perser im Vergleich zu vielen anderen antiken Reichen bemerkenswert tolerant gegenüber lokalen Religionen. Tempel wurden oft gefördert statt zerstört.

Xerxes wird manchmal als besonders religiöser oder dogmatischer Herrscher beschrieben. Grundlage dafür sind Inschriften, in denen er erklärt, „Daevas“ zerstört zu haben – ein Begriff für bestimmte Gottheiten oder Kulte. Historiker diskutieren, ob dies auf religiöse Reformen oder politische Maßnahmen gegen rebellische Regionen hinweist. Sicher ist nur, dass Religion und Herrschaft eng miteinander verbunden waren.

Der Hof des Xerxes war von enormem Luxus geprägt. Griechen beschrieben persische Paläste mit Gold, Teppichen, kostbaren Stoffen und aufwendigen Zeremonien. Vieles davon war keine Übertreibung. Das Achämenidenreich verfügte über immense Ressourcen. Tribut aus den Provinzen floss in die königlichen Zentren. Gleichzeitig war der Hof streng organisiert. Der Zugang zum König erfolgte nach festen Regeln. Audienzen waren ritualisiert, Kleidung und Verhalten genau vorgeschrieben.

Auch die berühmten „Unsterblichen“ gehörten zur persischen Hofkultur. Diese Eliteeinheit der Armee bestand angeblich stets aus 10.000 Männern; fiel einer aus, wurde sofort Ersatz gestellt. Sie dienten sowohl als Leibgarde als auch als militärische Elite. Ihr Name stammt wahrscheinlich aus einem Missverständnis griechischer Autoren, doch ihr Ruf war beeindruckend.

Interessant ist, wie unterschiedlich Xerxes in verschiedenen Kulturen erinnert wurde. In der griechischen Tradition blieb er meist der gescheiterte Invasor. In persischen Quellen erscheint er dagegen als legitimer Großkönig in der Linie bedeutender Herrscher. Im Alten Testament wird Xerxes gewöhnlich mit Ahasveros identifiziert, dem König im Buch Esther. Diese Gleichsetzung ist unter Historikern weit verbreitet, wenn auch nicht völlig sicher. Die Esther-Erzählung vermittelt ein Bild des persischen Hofes voller Intrigen, Bankette und Machtkämpfe.

Tatsächlich scheint das Leben am Hof komplex und gefährlich gewesen zu sein. Intrigen zwischen Adelsfamilien, Eunuchen und Mitgliedern der königlichen Familie waren keine Seltenheit. Xerxes selbst fiel schließlich einer Verschwörung zum Opfer. Im Jahr 465 v. Chr. wurde er ermordet, vermutlich durch den Hofbeamten Artabanos. Die genauen Umstände bleiben unklar. Manche Berichte sprechen von einem nächtlichen Attentat im Schlafgemach. Nach seinem Tod folgte sein Sohn Artaxerxes I. auf den Thron.

Xerxes herrschte insgesamt etwa zwanzig Jahre – eine Zeit, die oft auf die Niederlage gegen Griechenland reduziert wird. Doch das wird seiner historischen Bedeutung kaum gerecht. Unter ihm blieb das Perserreich weiterhin die dominierende Macht Vorderasiens. Seine Verwaltung funktionierte, die Wirtschaft florierte vielerorts, und die kulturelle Vielfalt des Reiches blieb erhalten.

Das Achämenidenreich war überhaupt eines der bemerkenswertesten Staatsgebilde der Antike. Es verfügte über ein Straßennetz, das schnelle Kommunikation ermöglichte. Die berühmte Königsstraße verband Sardes in Kleinasien mit Susa. Kuriere konnten Nachrichten in erstaunlicher Geschwindigkeit transportieren. Herodot bewunderte dieses System ausdrücklich und schrieb, weder Schnee noch Regen noch Dunkelheit hielten die königlichen Boten auf – ein Satz, der später sogar das Motto der amerikanischen Post inspirierte.

Auch wirtschaftlich war das Reich hochentwickelt. Unter Dareios war eine Goldmünze eingeführt worden, der Dareikos. Einheitliche Maße und Verwaltungsstrukturen erleichterten Handel und Besteuerung. Xerxes erbte also keinen primitiven Despotismus, sondern einen komplexen Verwaltungsstaat.

Die persische Armee war ebenfalls moderner organisiert, als griechische Quellen oft vermuten lassen. Zwar bestand sie aus unterschiedlichen Kontingenten, doch gerade diese Vielfalt machte sie flexibel. Persische Kriegsführung setzte stark auf Bogenschützen, Kavallerie und Mobilität. Gegen die schwerbewaffneten Hopliten Griechenlands zeigte sich jedoch, dass bestimmte Taktiken an Grenzen stießen – vor allem in engen Geländen wie den Thermopylen.

Der kulturelle Gegensatz zwischen „freiem Griechenland“ und „despotischem Persien“, den spätere Autoren gerne zeichneten, war in Wirklichkeit viel komplizierter. Viele Griechen dienten freiwillig im Perserreich. Einige Städte kooperierten mit Xerxes. Umgekehrt war die griechische Welt selbst keineswegs einheitlich oder immer demokratisch. Sparta etwa war eine Militärgesellschaft mit harter Unterdrückung der Heloten.

Die Erinnerung an Xerxes wurde besonders in Europa stark durch den Erfolg der Griechen geprägt. Die Perserkriege galten später als entscheidender Kampf zwischen Ost und West. Dieses Bild beeinflusste jahrhundertelang die Wahrnehmung des Orients. Moderne Historiker sehen solche Deutungen kritisch. Sie betonen, dass die Konflikte der Antike nicht einfach moderne Kulturkämpfe vorwegnahmen.

Interessanterweise bewunderten viele Griechen zugleich die persische Kultur. Persische Kleidung, Luxusgüter und Hofsitten fanden Nachahmer. Selbst Alexander der Große, der das Perserreich später eroberte, übernahm zahlreiche persische Traditionen. Die Achämeniden hatten Standards imperialer Herrschaft geschaffen, die noch lange nachwirkten.

Archäologische Funde liefern heute ein differenzierteres Bild von Xerxes als die klassischen Texte allein. Die Ruinen von Persepolis, Susa und Pasargadae zeigen die enorme Kunstfertigkeit persischer Baukunst. Reliefs vermitteln ein Bild geordneter Vielfalt statt brutaler Unterdrückung. Verwaltungsarchive mit tausenden Tontafeln dokumentieren Löhne, Lieferungen und Organisation des Hofes. Daraus geht hervor, dass selbst einfache Arbeiter Rationen erhielten und Frauen teilweise eigenständige wirtschaftliche Rollen innehatten.

Die sogenannte Persepolis-Fortification-Archive gehört zu den wichtigsten Quellen für das Achämenidenreich. Diese Tontafeln, meist in elamischer Sprache verfasst, enthalten detaillierte Verwaltungsdaten. Sie zeigen, wie präzise die Versorgung organisiert wurde. Reisende, Arbeiter und Beamte erhielten genau registrierte Rationen von Getreide, Wein oder Vieh. Solche Dokumente machen deutlich, dass das Reich auf Bürokratie beruhte und nicht allein auf militärischer Gewalt.

Xerxes war zudem nicht nur Krieger, sondern auch Bauherr. Die „Halle aller Länder“ in Persepolis trägt seinen Namen. Ihre Architektur sollte die Universalität seiner Herrschaft ausdrücken. Besucher betraten monumentale Säulenhallen, bewacht von kolossalen Stierfiguren. Die Symbolik war eindeutig: Der Großkönig herrschte über die bekannte Welt.

Auch sprachlich war das Reich vielfältig. Altpersisch, Elamisch, Babylonisch und Aramäisch wurden in Verwaltung und Inschriften verwendet. Aramäisch entwickelte sich sogar zu einer Art Reichssprache. Diese Mehrsprachigkeit war ein wichtiger Faktor für die Stabilität des Imperiums.

Die Griechen stellten Xerxes oft als verweichlichten Monarchen dar, der in Luxus schwelgte. Solche Darstellungen dienten auch der eigenen Selbstdefinition. Der „harte, freie Grieche“ wurde dem „reichen, dekadenten Perser“ gegenübergestellt. Tatsächlich war die persische Elitekultur komplex und diszipliniert. Jagd, Reitkunst und militärische Ausbildung galten als zentrale Tugenden des Adels.

Besonders faszinierend bleibt die Logistik des Griechenfeldzuges. Tausende Tonnen Nahrung mussten transportiert werden. Flottenbewegungen mussten mit Landarmeen koordiniert werden. Brücken, Kanäle und Nachschubwege mussten funktionieren. Selbst moderne Historiker staunen über die organisatorische Leistung hinter der Invasion. Dass sie letztlich scheiterte, mindert nicht ihre Dimension.

Die Niederlage hatte auch langfristige Folgen. Athen gewann nach den Perserkriegen enorm an Prestige und baute den Attischen Seebund auf. Daraus entwickelte sich das athenische Imperium der klassischen Zeit. In gewisser Weise trug Xerxes’ Feldzug also indirekt zur Blüte Athens bei – jener Epoche von Perikles, Sophokles und Phidias.

Für das Perserreich selbst war der Verlust Griechenlands jedoch kein Zusammenbruch. Die Achämeniden blieben noch über ein Jahrhundert lang eine Supermacht. Erst Alexander der Große zerstörte das Reich im 4. Jahrhundert v. Chr. Interessanterweise verbrannte Alexander später Persepolis – möglicherweise bewusst als symbolische Rache für die Zerstörung Athens durch Xerxes.

Die Figur Xerxes hat bis heute kulturelle Wirkung. In Literatur, Opern, Gemälden und Filmen erscheint er immer wieder. Besonders die moderne Popkultur verzerrte sein Bild stark. Filme wie „300“ präsentieren ihn als fast übernatürlichen Tyrannen voller Exotik und Grausamkeit. Historisch hat diese Darstellung wenig Substanz. Der reale Xerxes war weder ein Monster noch ein Karikaturenschurke, sondern ein antiker Großherrscher mit den Stärken und Schwächen seiner Zeit.

Seine Herrschaft zeigt eindrucksvoll die Möglichkeiten und Grenzen imperialer Macht. Kein anderer Herrscher seiner Epoche verfügte über vergleichbare Ressourcen. Doch selbst ein Weltreich stieß an geografische, logistische und politische Grenzen. Griechenland erwies sich nicht wegen seiner Größe als schwierig, sondern wegen seiner Topografie, seiner Flottenstärke und der Entschlossenheit einzelner Poleis.

Xerxes bleibt deshalb eine Schlüsselfigur der Antike. In seiner Person kreuzen sich persische Reichspolitik, griechische Erinnerungskultur und die Entstehung historischer Mythen. Viele Vorstellungen über „Orient“ und „Okzident“ wurden durch die Erzählungen über ihn geprägt. Gleichzeitig zeigen moderne Forschungen, wie vielschichtig die Wirklichkeit hinter den Legenden war.

Wer Xerxes nur als gescheiterten Invasor betrachtet, übersieht die Größe seines Reiches, die Leistungsfähigkeit seiner Verwaltung und die kulturelle Bedeutung der Achämeniden. Seine Zeit war eine Epoche gewaltiger Vernetzung. Handelswege verbanden Ägypten mit Indien, Verwaltungsbeamte reisten durch mehrere Klimazonen, und königliche Botschaften durchquerten Kontinente. Der Großkönig in Persepolis stand im Zentrum eines Systems, das für damalige Verhältnisse global wirkte.

Selbst seine Feinde erkannten oft widerwillig seine Macht an. Herodot schildert Xerxes nicht nur abschätzig, sondern auch mit einer gewissen Faszination. Der Perserkönig erscheint als Mensch von enormer Autorität, fähig zu Zorn, Trauer, Großzügigkeit und Härte. Gerade diese Ambivalenz macht ihn historisch interessant.

Die Ruinen von Persepolis, die Reliefs der Tributträger, die Berichte über die Brücken am Hellespont und die Geschichten von Salamis und den Thermopylen haben Xerxes unsterblich gemacht. Kaum ein anderer Herrscher der Antike wurde so unterschiedlich interpretiert: als Tyrann, als Weltherrscher, als tragische Figur oder als Symbol imperialer Größe. Hinter all diesen Bildern steht ein realer König, der über eines der größten Reiche der Menschheitsgeschichte herrschte und dessen Entscheidungen die Geschichte des Mittelmeerraums nachhaltig beeinflussten.


© Bild und Texte: Carsten Rau.

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