
Nach den Hussitenkriegen war auf den deutschen Burgen die höfische Zucht fast vergessen, welche für höchst bäuerisch erklärt hatte, Nüsse mit den Zähnen aufzuknacken, die Äpfel vom Stiel aus zu
schälen und die Birnen vom Blütenende. Die Nachkommen jener höfisch Geschulten standen in dem Verdacht, bei ihren Trinkgelagen ungebratene Gänse mitsamt den Federn zu essen, einander aus sehr
unsauberen Geschirren den Wein vorzutrinken und die Beine der Gesellschaft unter dem Tisch zusammenzubinden, damit keiner von der Bank weiche, was ihm auch begegne.
Damals sah es in weiten Landschaften sehr schlecht aus mit Bildung und Sittlichkeit der Schildbürtigen, welche als niederer Adel den Edlen des Reiches zur Seite traten. Aber trotz dem Verderb
einer großen Zahl waren sie als Stand betrachtet doch im Aufsteigen, auch sie wurden von den Reformen ergriffen, welche seit dem Scheiterhaufen des Hus Kirche, Staat und Gesellschaft
änderten.
Wir dürfen in den landschaftlichen Verbänden der Schildbürtigen, welche aus den Rittergesellschaften des vorigen Jahrhunderts entstanden, von den Fürsten begünstigt oder angefeindet, den ersten
Fortschritt erkennen. Die Reichsritterschaft beanspruchte als Korporation Vertretung auf den Reichstagen, auch die Lehnsleute, welche unter einem Landesherrn standen, wurden als Stand neben
Vertretern der Städte, der Geistlichkeit und, in einigen Landschaften, der Bauern zu Landtagen zusammenberufen, um den Fürsten Steuern zu bewilligen, die er nicht entbehren konnte, und um bei
einem Teil der Gesetzgebung mitzuraten.
Nicht weniger half dem neuen Adel die größere Reinlichkeit des Lebens, die hohe Entwicklung des Handwerks und Handels, die Steigerung der Fürstenmacht und der Geldwirtschaft, endlich die stille
Arbeit der Universitäten und die Erfindung des Bücherdrucks. Zwar die Ärmeren wurden dadurch nur geärgert und niedergedrückt, Raub- und Fehdelust wurden denen nicht geringer, welche jetzt mit
größerer Bitterkeit ihre dürftige und unsichere Lage empfanden. Wer aber mit besserem Landbesitz ausgestattet war, der bezog allmählich höhere Renten und suchte sich aus der Wegelagerei und dem
Gezänk in den Burgen heraufzuarbeiten an einen Fürstenhof oder als reisiger Söldner bei einem größeren Kriegszug. War ein Geschlecht vollends durch städtische Verbindungen zu stärkerem Wohlstand
gekommen, so wandte es auch Geld auf die ritterliche Erziehung seiner Söhne in der Fremde.
Es ist ein langsamer Fortschritt zum Besseren, aber er verdient die Beachtung der Nachkommen. Auch darum, weil er sich zunächst so vollzog, dass die Traditionen des alten Rittertums wieder
aufgenommen und nach Zeitgeschmack umgeformt wurden.
Es war natürlich, dass die Erhebung der wilden Gesellen vom Stegreif mit einer Steigerung des abschließenden Standesgefühls begann; die Neigung dazu war seit zwei Jahrhunderten vorhanden. Jetzt
wird die Trennung des Landadels von den städtischen Geschlechtern viel schroffer, nur eine Anzahl derselben wird als gleichberechtigt angesehen, die Ausschließung eines jeden, der im Verdacht
steht, Kaufmannschaft zu treiben, wird eifriger und gehässiger. Strenger wurden auch die Ansprüche, welche die geistlichen Stifter an standesmäßige Geburt ihrer Mitglieder machten; sie verlangten
nicht mehr vier, sondern acht Ahnen, und es war natürlich, dass sich diese Forderung in den nächsten Generationen auf sechzehn und zweiunddreißig steigert; einzelne derselben, z. B. das
vornehmste Stift zu Straßburg, schlossen sich freilich ganz gegen den niederen Adel ab. Und den geistlichen Ritterorden wurde gar durch eine Bulle des Papstes Sixtus IV. vom Jahre 1483 befohlen,
nur Altadlige von Vater- und Mutterseite her in den Orden aufzunehmen, bei Strafe des Bannes für die Hochmeister. So geschah es, dass man auf den Burgen überall die alten Schildzeichen mit
Ehrfurcht betrachtete, und dass die beschwerliche Kunst der Herolde für Männer und Frauen höchste Bedeutung gewann. Und die Deutschen erlangten in dieser Zeit den Ruhm, welchen sie nur mit einem
Teil der Spanier und Franzosen teilten, dass bei ihnen auch rittermäßiges Herkommen der weiblichen Vorfahren zu altem Adel notwendig sei.
Noch bestand die Ritterwürde als persönliche Ehre mit einigen der alten Vorrechte: den goldenen Sporen, dem Prädikat »Herr«, der Pflicht einen Knecht als Schwertträger zu halten und bei Feldzügen
mit einer »Gleve« oder einem »Spieß«, das heißt mit zwei bis drei berittenen Wappnern ins Feld zu ziehen. Aber diese Würde war ein Schmuck der Wohlhabenden und Ansehnlichen des Standes geworden,
sie wurde von der großen Mehrzahl des Adels nicht mehr erworben, ja nicht einmal begehrt. Denn die wesentlichen Vorrechte des Schildamtes, das Turnierrecht und das wertvollere Recht des Eintritts
in Präbenden und geistliche Stifter, hingen nicht mehr von der Ritterwürde ab, sondern von rittermäßiger Herkunft und der Zahl der Ahnenschilde. Der Schildgeborene, der die goldenen Sporen nicht
trug, hatte sich im vorigen Jahrhundert Wappner oder Edelknecht genannt, seit 1450 wurde allmählich die Bezeichnung Junker üblich.
Der Adel wurde jetzt häufig an neue Leute durch Briefe erteilt, auch die Ritterwürde als höhere Ehre; sogar die Gelehrten, welche die Doktorwürde auf einer Universität erworben hatten,
beanspruchten Adelsrecht, und der Kampf der älteren Familien ging dahin, diese neuen da fernzuhalten, wo sie selbst in der Mehrzahl waren, aus Präbenden, geselligen Vereinen, Trinkstuben und dem
Turnier. Durch Schwertschlag wurde die Ritterwürde nur noch bei besonderen Gelegenheiten erteilt. Zunächst bei großen Hoffesten, am ehrenvollsten bei der Kaiserkrönung in Rom. Dort zogen nach der
Krönung Kaiser und Papst auf die Tiberbrücke, und der Kaiser schlug selbst den Ehrenschlag, zuerst seinen Fürsten, dann vielen anderen. Dann vor der Schlacht; aber es war bezeichnend für die
Zeit, dass den jungen Rittern erlassen wurde, in der ersten Schlachtreihe ihre Sporen zu verdienen. Auch die Erinnerung an die Kreuzfahrten bestand fort; seit der deutsche Orden in Preußen klein
geworden war, suchte der ritterlustige Gesell den Rittergurt gegen die Mauren in Spanien, gegen die Türken in Ungarn, bei den Johannitern zu Rhodos, am liebsten im Heiligen Land.
Dazu fuhr er auf einer Galeere der Venetianer oder Genuesen über Rhodos nach dem Heiligen Land. Hatte er keinen Schwertpaten, der den Schlag tun durfte, in seiner Reisegesellschaft, so suchte er
durch Empfehlung der Rhodiser in Zypern oder an der Küste eine solche Bekanntschaft, er war fast sicher, unterwegs gute Gesellen zu finden. Die Reise nach Jerusalem geschah unter türkischer
Bedeckung, aber für den Ertrag der Pilgerfahrten waren auch die Heiden Machumeds nicht unempfänglich, der Pilger konnte hoffen, unbeschädigt in Jerusalem abgeliefert zu werden. Dort kehrte er in
einer der zahlreichen Tavernen ein, welche wohlhabenden Pilgern gute Bequemlichkeit boten – der Wirt zum goldenen Stern und seine Frau wurden zu ihrer Zeit sehr gerühmt, sie waren zwar
machumedisch, aber ordentliche Leute, Speisen und Pflege gut, man konnte auch bei ihnen sein Geld wechseln, rheinische Gulden und Dukaten. In der Taverne zog der Wanderer sein Büßerkleid an,
wallte demütig zur Klosterkirche am Heiligen Grabe und stellte sich mit dem Ritter, welcher den Schwertschlag übernommen hatte, dem Guardian vor. Dieser vielerfahrene Herr behandelte das Geschäft
würdig; er nahm zuerst, wie Brauch war, dem Kandidaten die Beichte ab – den Deutschen fiel auf, wie leicht die Pönitenz gemacht wurde –, dann trugen die Mönche Schlüssel, Schwert und Buch herzu,
dem Pilger wurde aus dem Buch die Ordnung des Ritterstandes verkündigt und die Rittermesse vor ihm gelesen. Darauf schloss man ihm das Heilige Grab auf, dort kniete er auf seinem Stab nieder und
betete – wenn er ein Deutscher war, gewiss inbrünstig mit hochklopfendem Herzen. Dann schlug der bestellte Ritter mit Erlaubnis des Guardians den Pilger, der Hutkappe und Mantel abgelegt hatte,
zum Ritter, der Guardian sprach den Segen. Zuletzt kam der fromme Bruder Tresler mit einem Buch und erhielt sechs bis zwölf Dukaten für die Feierlichkeit. Dadurch erhielt der Geweihte die
ruhmvollste Ritterwürde der Christenheit, er wurde Ritter des Heiligen Grabes. Kam der neue Ritter auf der Rückfahrt nach Rhodos oder an einen deutschen Fürstenhof, so war Brauch, ihm zu seiner
Ritterschaft ein Geschenk zu machen, Armbrust, Schwert oder Gewand.
Wie unwesentlich aber die alte Ritterwürde für Krieg und Frieden geworden war, erkennt man daraus, dass die, welche den Ritterschlag bei einem Hoffest erhalten hatten, erklären durften, ob sie
den Ritter annähmen oder nicht. Häufig wurde er nicht angenommen, weil er zu standesmäßigem Aufwand mit Knecht und Rossen nötigte. Denn der Edelknecht oder Junker empfing Roß und alte Hofkleider
von seinem Herrn und diente im Felde mit einem Pferd und einem Roßbuben. Das ziemte dem Ritter nicht mehr. Es kam deshalb vor, dass derselbe Mann mehreremal die Würde erhielt und fallenließ.
Wilibald von Schauenburg z. B. wurde nach seiner Versicherung (etwa seit 1468) dreimal zum Ritter geschlagen.
Für die erste Bildungsschule eines adligen Kindes galt, wie in alter Zeit, der Fürstenhof. Hatte der Vater gute Verbindungen, so wurde der Sohn Knabe im Dienst eines vornehmen Herrn oder seiner
Gemahlin mit einer gewissen Reihenfolge der Dienstleistungen, aus dem Boten wurde der Vorschneider und Tischdiener, der die Teller zu wechseln hatte, die Speisen zu rücken und das Handtuch nach
Tisch zwischen Leib und Waschbecken zu halten. Wuchs er heran und erwies er sich tüchtig, so bekam er wohl das vertraute Amt der Schlüssel und wurde ein Kämmerer des Herrn. Jetzt gehörte er zum
Gefolge, trank, jagte, verstach seine Speere und tanzte in dem Zimmer der Herrin mit dem adligen Frauenzimmer des Hofes, während Herr und Herrin auf erhöhtem Raum Karte oder Schach spielten, die
Windspiele der Fürstin dazwischen bellten, ein Pfeifer und ein Geiger Musik machten und ein Hofbedienter das neugierige Volk aus Küche, Stall und Straße mit einem Stock ins Gesicht schlug, wenn
es die Tür aufriss, um hereinzugucken.
Am Fürstenhof erhielt der Diener leicht die Ritterwürde. Wollte er sie annehmen, so bat er seinen Vater um die Ausstattung, welche viel Geld kostete, drei bis vier Rosse, einen Knecht, Harnisch
und Festkleider. Damit war seine höfische Erziehung vollendet.
Als ein tüchtiger Mann hielt er es jetzt für träge, sich in der Ruhe des Hofes zu verliegen, in den Herbergen zu sitzen und mit dem Frauenzimmer seiner Herrin zu äugeln. Er fragte umher, wo in
der Nähe oder Ferne eine Kriegsfahrt Gelegenheit zu reisiger Arbeit gab. Mächtig zog es ihn immer noch in die sagenhafte Ferne zu Abenteuern unter fremden Völkern. Solche Fahrten waren eine
Lieblingsunterhaltung bei Hof, wie in der Hinterstube des Kaufmanns; nicht nur vom Osten, auch von Paris, England und Spanien wurde gern erzählt. Schon damals waren die großen deutschen
Fürstenhäuser mit den übrigen Königen Europas eng verschwägert, und in jeder Landschaft saßen Bauern, die eine Wallfahrt nach Rom oder zu dem finstern Stern von San Jago gewagt hatten. Kam nun
die Botschaft, dass der türkische Kaiser einen Zug gegen die Johanniter beabsichtigte oder die Könige in Spanien und Portugal einen Krieg gegen die Mauren, so suchte der junge Edelmann gern einen
Genossen für die Fahrt und warb bei dem Fürsten, dem er gedient hatte, um „Vorschriften und Fördernisse“, die Empfehlungsbriefe. Diese wurden dem Wohlhabenden gern gegeben, denn die Reise galt
als ein rühmliches Unternehmen und brachte auch dem Fürsten Ehre. Dann zog die Gesellschaft mit einem Herold, welcher fremder Sprachen kundig war und den Fourier und Dolmetscher machte, mit
einigen Reisigen und einem Packknecht in die Ferne. An fremdem Hof wurde der Reisende huldreich empfangen, zu Tanz und Ritterspiel gezogen und wohl traktiert. Kam er zu einem Kriegszug zurecht,
gelang es ihm, sich dabei tapfer zu erweisen, und nahm er nach Beendigung Urlaub, so erhielt er ein Geldgeschenk oder Goldstoff und Samt zu Kleidern, und vielleicht die „Gesellschaft“ des fremden
Herrn, seinen Orden, wie sie im 15. Jahrhundert an den meisten Höfen verteilt wurden, sogar vom kleinen König von Zypern, und der König von Spanien hatte bereits drei von dieser Art. So reiste
Georg von Ehingen (um 1450) nach Rhodos, spähte dort ein Jahr ungeduldig von den Mauern der Feste und den Galeeren des Ordens nach einer türkischen Flotte, durchfuhr das Heilige Land und besah
das Königreich Zypern und zog nach der Heimkehr wieder an die Höfe von Frankreich, Navarra und Portugal, ging von da mit einer Schar zur Unterstützung der Besatzung von Septa nach Afrika, half
die Stadt gegen ein großes Maurenheer verteidigen, tötete einen tapferen Mauren im Zweikampf mit Speer und Schwert, machte darauf einen Einfall der Spanier in Granada mit, besuchte auf der
Heimreise den englischen und schottischen Hof und kehrte ruhmvoll und reich beschenkt zurück. Er fand im König Ladislaus von Ungarn einen österreichischen Prinzen, im König von Portugal einen
Bruder seiner Kaiserin, in Schottland den Bruder der österreichischen Herzogin Albrecht, in der Königin von Schottland eine Herzogin von Geldern.
Freilich war in der Fremde nicht immer Gelegenheit zu Heldentaten, auch lag solche nicht jedem am Herzen. Aber der Deutsche war sicher, in Frankreich überall Deutsche von Adel zu treffen, in
anderen Ländern wenigstens an der Küste Landsleute aus Niederdeutschland.
Kam der Reisende in die Heimat, so wurde seine Reise die beste Empfehlung zu einem ansehnlichen Dienst am deutschen Fürstenhof; denn der Deutsche, welcher von fremden Fürsten höflich behandelt
war und wohl gar fremde „Gesellschaften“ heimbrachte, erschien dem deutschen Landesherrn damals ehrenwerter, und er gab ihm gnädig auch seinen „Salamander“ oder, wenn der Heimgekehrte nicht
starker Neigung zum Trunk und zur Wegelagerei verdächtig war, sogar seinen „Schwan“. Im Hofdienst und am eigenen Herd war für den Edelmann jetzt die Zeit gekommen, sich aus gutem Hause ein Weib
zu werben. Aber noch hing etwas von dem alten phantastischen Treiben des 13. Jahrhunderts an seinem Leben. Er hatte seinen Knabendienst und seine Fahrten in der Fremde mit der Empfindung gemacht,
dass er ganz auf den Wegen des Herrn Parzival und Herrn Iwein fahre und jede Begegnung mit einem französischen Reisigen oder gar mit einem Mauren und Türken betrachtete wie das Abenteuer eines
Tafelrunders mit einem Mohrenkönig. In der Heimat hatte er jetzt wieder die trödelhafte Empfindung, dass ihm Minnedienst bei einer vornehmen Frau zieme. Nun war in den zweihundert Jahren seit
Gottfried von Straßburg jene Poesie, welche bedenkliche Verhältnisse durch glänzende Farben geschmückt hatte, völlig verloren. Den vornehmen Frauen war jeder Anflug von literarischer Bildung
entschwunden, der sie einst allzu empfänglich für die zierlichen Lieder eines ritterlichen Sängers machte. Die meisten der deutschen Fürstinnen hatten so wenig gelernt und gesehen wie ihre
Männer, sie verstanden dagegen zu rechnen wie ihre ganze Zeit und überzählten nicht nur die Stücke Goldstoff in ihrer Truhe und die Gulden, welche ihnen von einer Stadt als Gastgeschenk
überreicht wurden, sondern zuweilen auch die Töpfe mit kunstreich eingesottenen Quitten und Amarellen. Die aber eine reichere Bildung hatten, lasen jetzt statt der Geschichte von Tristan einen
Traktat des Paters Ekstatikus, eine Predigt von Tauler oder die Nachfolge Christi des Thomas Hamerken von Kempen. Und wieder der ritterliche Mann war im Grunde ein derber Gesell von gesundem
Menschenverstand und scharfen Sinnen, der ebenfalls den Goldwert eines geschenkten Ringes genau abschätzte, in Neigungen und dem Ausdruck seiner Gefühle seinem vertrauten Knechte nicht sehr
überlegen.
Demungeachtet galt aufstrebenden Männern des niederen Adels die geheime Verbindung mit einer vornehmen Frau immer noch für ein wünschenswertes Stück Rittertum. Das Geheimnis lockte, die Gefahr
und die Verehrung vor stattlichem und majestätischem Wesen, und leider wohl auch die eitle Freude über den herkömmlichen Schmuck, den die Unbekannte seiner Rüstung zufügte und der ihm vor seinen
bäurischen Genossen ein Ansehen gab. Es war nicht schön und kein Vorteil für den jungen Helden, wenn ihm die goldene Kette, welche die heimliche Herrin schenkte, und das Geld, welches sie ihm für
seine rittermäßige Ausrüstung zuwies, eine große Wichtigkeit gewannen. Er ritt also wohl, um sie zu sehen, viele Meilen weit, verkleidete sich, kroch Mauern hinauf und brachte Tage in ihrem
Versteck zu, nicht ohne sehr natürliche Verlegenheit und Bedrängnis, und er putzte sich und sein Roß mit ihren Geschenken. Aber zuverlässig dauerte solche veraltete Hingabe nicht lange.
Auch fand er mit geringer Mühe Frauen für eine ehrlichere Neigung. Die Häuslichkeit auf den Burgen war besser geworden. Der Respekt vor Ahnen beschränkte das Urteil des Junkers in vielem, einen
Vorteil hatte der heraldische Unfug doch gehabt, er hatte die Frauen und die Töchter der Rittermäßigen unleugbar gehoben. Vielleicht nicht in ihrer Bildung; es ist auffallend, wie ganz und gar
nicht in biographischen Aufzeichnungen und lokaler Geschichte jener Zeit von den Burgfrauen die Rede ist. Aber die Ansprüche, welche die Frau an den Mann machte, waren gesteigert, seit sie auf
die Schilde ihrer Ahnen stolzer war als er und ähnliche Privilegien in Kleidung, in Zahl der Gerichte und in Vorrang vor anderen Frauen beanspruchte. Sie war nicht mehr wie sonst die Haushälterin
des umherfahrenden Frauenritters und im besten Fall die Kammerfrau einer Gräfin, sie fuhr oder ritt mit ihrem Hausherrn zu Hofe, begleitete ihn zum Turnier und bildete mit den schildbürtigen
Frauen ihrer Landschaft einen Chor, welcher die Händel der Männer, den Streit der Gesellschaften, einen Ausschluss Unwürdiger und die Preise, endlich die Freude über einen Sieg der heimischen
Landschaft vielleicht leidenschaftlicher durchfühlte als die Speerbrecher selbst. Auch die Frau des Vasallen nahm die Huldigungen junger Kämpfer als Edelfrau an, ihr Beifall und ihre Neigung
wurden wertvoll. Das war in manchen Fällen ein trüber Quell der Selbstachtung und brachte ihre Sittsamkeit in ähnliche Versuchungen wie einst das einsame Hausen auf der Burg unter Knechten. Es
war doch ein großer Fortschritt für Mädchen und Frauen, dass die Männer ihnen daheim und in Gesellschaft größere Ehre erwiesen.
Die Frauen heirateten jung, und die Ehen waren kinderreich; sorgfältig erwogen erfahrene Mütter und Basen vor der Vermählung die Gesundheit und Beschaffenheit der Braut, Töchter von zartem Leibe
wurden dem himmlischen Bräutigam überwiesen und oft als kleine Kinder in dem befreundeten Kloster geborgen. – Das Jahrhundert war frivol, genussüchtig und zuchtlos, das Maß, wonach Ehrbarkeit und
gute Sitte der Frau gemessen wurde, war ausnehmend niedrig. Aber dieses kleine Maß wurde von den Deutschen auf den Burgen und in den Städten weit fester gehalten als in den Nachbarländern, wo die
Unsittlichkeit der Frauen, und gerade der anspruchsvollen, sehr arg war. Wir haben ein Recht anzunehmen, dass Häuslichkeit und Ehe der Deutschen ein wenig mehr Poesie und Selbstachtung erhalten
hatten als in den früheren Jahrzehnten, aber wir erkennen diesen Fortschritt fast nur aus einer gesteigerten Empfindung für das Wohlbehagen im Hause. Der Ofen ist allgemein geworden, ihn umgeben
behäbige Sitze und die Bank, die Glasscheiben der Fenster schließen auch die Burgstuben ab, der Hausrat ist ziemlich reichlich und wird immer schmuckvoller und zierlicher. Es scheint wenig, von
Glas und Holz auf das Herz der Menschen zu schließen, aber wir sehen doch, dass der Deutsche seit 1450 ein Vergnügen daran findet, sein Haus nicht nur auf der Außenseite für die Fremden, sondern
auch im Innern für Weib, Hausgenossen und sich selbst zu schmücken. Hat ihm aber sein Hausleben so viel größere Wichtigkeit erhalten, so ist das ebensowohl Verdienst der Frau als ein Vorteil für
sie.
Auf den Burgen war freilich der unruhige Sinn immer noch in die Ferne gerichtet. Nicht nur nach dem Fürstenhof, nach den Staubwolken der Landstraße und dem Hinterhalt im Walde, auch nach den
großen Gesellschaften für die alte Ritterkunst, welche der niedere Adel jetzt mit besonderem Stolz hervorsuchte. Seit Ulrich von Liechtenstein waren die Turniere nur von Städten und Fürsten
veranstaltet worden, immer seltener, sie waren in Deutschland fast vergessen. Da werden sie um 1479 auf einmal wieder lebendig, nicht zuerst durch Fürsten, sondern durch den niederen Adel, dessen
Ahnen, wie man annahm, 250 Jahre früher dieselben Künste geübt hatten. Ob der glänzende Hof Herzog Karls von Burgund, ob der ritterliche Albrecht Achilles oder der junge Kaisersohn Maximilian, ob
ein Aufflackern der alten Romantik in der Literatur die Richtung darauf gab: die nächste Veranlassung ging von der kleinen Gesellschaft „des Spängleins“ um Nürnberg aus, fast der einzigen, die im
14. Jahrhundert den Idealismus des alten Rittertums vertreten hatte. Ihre Mitglieder veranlassten das erste Turnier in Würzburg, übernahmen die Leitung, und die Spängler erhielten den Preis.
Seitdem rührten sich in den „vier Landen“ der Ritterschaft: Schwaben, Franken, Rheinland, Bayern, alte Vereine oder neu eingerichtete, es konstituierten sich zwölf löbliche Turniergesellschaften
mit Banner und Zeichen, zum Teil unter gewählten Königen; in Schwaben die Gesellschaft des Fisch und Falken, der Krone, des Leitbracken und Kränzel, des Esels, des Wolfs; in Thüringen und Franken
außer der Spange die Gesellschaft des Einhorns und des Bären, im Rheinland des Windhunds und des gekrönten Steinbocks; endlich die große bayrische Genossenschaft, welche Zeichen und Bundesnamen
öffentlich nicht führte, die aber kurz darauf (1488) eine Zahl ihrer Mitglieder gegen die Übergriffe Herzog Albrechts noch einmal zu einer politischen Gesellschaft, dem Löwenbund, vereinigte,
dessen Zeichen ein Löwe an silberner Kette war. – Schon früher hatten die Fürsten neue Gesellschaften gestiftet nach dem Muster des Goldenen Vlieses, welches Philipp von Burgund 1431 einrichtete,
zunächst Herzog Albrecht von Österreich die Gesellschaft vom Weißen Adler (1433), Kurfürst Johann von Brandenburg die vom Schwan (1440), Herzog Sigismund von Österreich die vom Salamander (1450),
andere Fürsten folgten.
Auch die Mitglieder der Turnierkränzchen trugen ihre Gesellschaft, „das Kleinod“, an Hals oder Brust, und, wie es scheint, auf dem Helm, und hielten bei Turnierhändeln fest zusammen. Man konnte
Mitglied mehrerer Gesellschaften sein, die Zeichen waren begehrt als Beweis ritterlicher Herkunft; sie wurden durch unehrliche Tat, wie Diebstahl und Missetat gegen Frauen, verwirkt. Als Peter
von Hagenbach, Hauptmann Karls von Burgund, durch den Bund unter Sigismund von Österreich gerichtet wurde, wurde ihm seine Ehre und Ritterorden, die Gesellschaft vom Halse, das Schwert von der
Seite, die Sporen von den Füßen abgerechtet und er dem scharfen Richter übergeben, damit ihm dieser den Kopf abhaue.
Bei den neuen Turnieren war die Teilung, d. h. die Wappenschau und Annahme in die Parteien des Spiels, eine ernste Angelegenheit geworden, um welche viel gestritten und vielleicht Blut vergossen
wurde. Aufgenommen sollte nur werden, wer beweisen konnte, dass seine Voreltern seit fünfzig Jahren „geteilt“ waren oder dass wenigstens seine Eltern in einem der vier Lande ein Turnier besucht
hatten. Persönlichen Ausschluss sollte erfahren, wer Gotteshäuser zerstört, Straßenraub oder Wucher verschuldet, feldflüchtig geworden, Frauen oder Jungfrauen mit Worten oder Werken ihre Ehre
genommen, Hantierung oder Handel getrieben usw. Jeder hatte zur Teilung Schild, Wappen, Gesellschaftszeichen zu bringen.
Die Turnierrüstung dieser Zeit ist durch Abbildungen und Besprechungen bekannt. Die Turnierspiele waren mannigfaltiger geworden, die Rüstung allmählich sehr massiv und unförmlich, hoher
Stechsattel, Stechhelm, starke Schienen, welche die Schenkel deckten, eiserner Plattenharnisch und Stechtartsche, der Speer mit dreizackiger Krone, über dem Handgriff eine große trichterförmige
Schiene zum Schutz des rechten Armes, auch das Roß mit Eisenschienen gepanzert. Daneben bestand das alte Scharfrennen mit niederem Rennsattel, scharfem Speer, leichterer Schlachtrüstung,
hölzerner Tartsche, Eisenhandschuhen ohne Beinschirmer und ohne eiserne Pferderüstung. Auch die begleitende Musik war eine andere: Statt Flöte und Handtrommel klang im Scharfrennen die
Kriegstrompete, und Frauen sollten solchen Kampf nicht ansehen. Dem Speerkampf folgte, wie früher, das Schwertturnier, das Schwert mit abgestumpfter Spitze, außerdem Fußkämpfe auch mit Kolben und
anderes Reiterspiel.
Das „Zäumen“ war gröber geworden; wer gegen Turnierbrauch gefehlt hatte, wurde rittlings auf die Schranken gesetzt; wer an einem anderen unritterliche Handlungen rächen wollte, der durfte ihn im
Turnier schlagen; keine Turnierbeleidigung sollte nachgetragen werden, wenn das Turnier beendet war. Das Recht der Vergeltung wurde mit großer Rücksichtslosigkeit geübt; der Stolzeste musste sich
harte Schläge gefallen lassen, wenn sein Gegner über ihn kommen konnte, und da jeder Mitglied einer Gesellschaft war und sein Klub für ihn Partei zu nehmen pflegte, so waren erbitterte Händel
nicht zu vermeiden. Die Streitigkeiten verstörten diese Feste der Ritterschaft sehr bald, und es erwies sich dafür schon im ersten Jahrzehnt ihrer Einführung der Fürstenhof als die beste Zuflucht
wegen des Zwanges, welchen ein vornehmer Hofherr wilden und rachsüchtigen Geladenen auflegte.
Und es war auch in dieser Zeit nur eine kleine Minderzahl der Adligen, welche die Ritterspiele besuchte. Die alten Gewohnheiten der Burgsassen dauerten trotzdem fort, sie wurden erst im nächsten
Jahrhundert gebändigt.
Hatte der Adlige als Junker oder Ritter sich in Fehde und Krieg, in Spiel und Händeln seiner Landschaft versucht und kam er in höhere Jahre, so wurde er wahrscheinlich ein strenger Hausvater, er
suchte die Söhne auszustatten für ritterliches Handwerk, den Töchtern wählte er Männer. Er gedachte ernsthaft der eigenen Sünden, trat in eine geistliche Bruderschaft und bewahrte die Kutte, in
der er begraben werden wollte, und die Lichter, welche bei seiner Leiche brennen sollten, mit düsterem Behagen in einer Truhe neben seinem Bett. War er ein frommer Mann, so teilte er vielleicht
Gut und Habe noch bei Lebzeiten unter seine Kinder und zog sich ganz in das Kloster seiner Familie zurück, wo er in besonderer Zelle oder Behausung lebte, die Horen des Klosters treulich besuchte
und von den Brüdern, welche seiner Freigebigkeit froh waren, im Tode getröstet und zu Grabe geleitet wurde. Dann erhielt er in der Kirche sein Grabmal, ein gemeißeltes Bild mit Wappen und einem
Löwen unter den Füßen; sein letzter Wille spendete den Armen Kost und Gewand, damit sie für seine Seele beteten.
Textquelle: Gustav Freytag. Bilder aus der deutschen Vergangenheit. Band 1. S. Hirzel, Leipzig 1859.
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